Die Geschichte der Glocken von St. Cäcilia

Aus phenixxenia.org
Version vom 16. April 2021, 09:29 Uhr von Wolf-Dieter Batz (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen


Eine Zeitreise von Rudi Kramer
Mühlhausen im Kraichgau

„Hörst du nicht die Glocken?“ heißt es in einem bekannten, aus Frankreich stammenden Kinderlied. Glocken – für Christen sind sie ein Zeichen der Hoffnung, eine „Stimme von oben“ und verkünden die Uhrzeit ebenso wie die frohe Botschaft von der Auferstehung Christi. Im Christentum werden Glocken seit rund 1500 Jahren eingesetzt, sind fester Bestandteil kirchlichen Lebens. So laden Glocken zum Gottesdienst, begleiten liturgische Handlungen, rufen zum Gebet, erinnern an die Ewigkeit und geben nicht nur dem kirchlichen Alltag einen Rhythmus.

Erste Erwähnung im Jahre 1496

Die schriftlichen Quellen über Glocken auf dem Kirchturm von St. Cäcilia reichen bis ins 15. Jahrhundert, wo das „Wormser Synodale“ von 1496, eine Auflistung des Kirchenbesitzes, zwei Glocken bestätigt, die zusammen mit den Glockenseilen der Gemeinde gehören. Auch das „Rotenberger Lagerbuch“ von 1559 bestätigt diesen Sachverhalt. Pfarrer Franziskus Michael Keller spricht in einem Bericht von 1718 an das bischöfliche Vikariat in Worms von der Existenz dieser beiden Glocken, die dann allerdings im Jahre 1773 in der Glockengießerei Anselm Franz Speck in Heidelberg unter Zusatz von „bestem Metall guter Harmonie“ umgegossen wurden. Das Gewicht der beiden Glocken erhöhte sich von 430 auf 530 Pfund. Das Fürstbistum Speyer genehmigte das Vorhaben unter dem Vorbehalt, dass die Gemeinde alle anderen Schulden bezahlt habe, die Glocken notwendig und nicht nur wünschenswert seien. Die Glockengießerei stellte für ihre Arbeit samt Material 167 Gulden und 35 Kreuzer in Rechnung.

Wertvolle Glocken vom Bodensee

Der nächste Glockenguss fand im Jahre 1854 in einer der besten und berühmtesten Werkstätten im süddeutschen Raum statt, in der Glockengießerei Carl Rosenlächer in Konstanz am Bodensee. Dabei wurden zwei von drei unbrauchbaren Glocken durch zwei neue ersetzt, die mit der vorhandenen mittleren Glocke ein harmonisches Geläut mit den Tönen a – cis – e (A-Dur-Akkord) bildeten. Im Vertrag mit der Firma war vereinbart worden, dass die neuen Glocken vom Bodensee nach Bruchsal geliefert werden sollten, wo auch die beiden alten Glocken als Anzahlung abgegeben werden sollten. Kurz vor Pfingsten 1854 wurden die alten Glocken von einem Pferdegespann nach Bruchsal transportiert und die neuen in feierlichem Zug vom Dorfeingang zum Kirchplatz gebracht.

Nach der Glockenweihe wurden die beiden neuen Glocken von der Gemeinde im Turm aufgehängt. Damit war das dreistimmige Geläut wieder komplett – bis zum März 1917, als zwei wertvolle Rosenlächer-Glocken im Ersten Weltkrieg für Rüstungszwecke abgegeben und eingeschmolzen wurden. Ohne Rücksicht auf den historischen und unersetzlichen Wert wurden die „Künderinnen des Friedens“ zu Werkzeugen des Krieges. Die Politik sprach von einem „Opfer auf dem Altar des Vaterlands“. Was bleibt, ist Sprach- und Fassungslosigkeit. Die Kirchengemeinde verabschiedete ihre beiden Glocken „in tiefer Trauer über den schmerzlichen Verlust“.

Selbstverständlich war es nach dem Krieg ein dringendes Bedürfnis, ein neues Geläut für St. Cäcilia anzuschaffen. Dabei kam es im Jahre 1920, also vor hundert Jahren, zu einer heftigen Grundsatzdiskussion zwischen dem Mühlhausener Stiftungsrat mit dem neuen Pfarrer Georg Sommer und der Kirchenbehörde: Bronze- oder Klangstahlglocken? Die Mühlhausener setzten nach großem Widerstand ihren Willen durch und bestellten bei der Firma Schilling und Lattermann im thüringischen Apolda drei Klangstahlglocken und das trotz eindringlicher Mahnung von oben. Zum einen seien Bronzeglocken wohlklingender, darüber hinaus seien auf Stahlglocken keine Verzierungen mit christlicher Symbolik möglich. So wurde die Anschaffung von Klangstahlglocken zutiefst bedauert und in einem Schreiben mitgeteilt: „Wenn die Gemeinde auf unsere wohlmeinende Abmahnung nicht hören will, so überlassen wir ihr das Risiko allein.“ Die noch vorhandene Bronzeglocke, die den Ersten Weltkrieg überlebt hatte, wurde in den Tageszeitungen zum Verkauf angeboten.

Dass die Entscheidung für Klangstahlglocken richtig war, zeigte sich bereits zwanzig Jahre später, 1940, als die Pfarrämter angewiesen wurden, Bronzeglocken anzumelden und abzuliefern – als „Metallreserve“, wie die Machthaber des Dritten Reiches verlauten ließen. Da die Stahlglocken nicht meldepflichtig waren, blieben die drei Glocken während des Zweiten Weltkriegs auf dem Turm hängen. Aber es wurden dramatische Einschränkungen des Läutens verordnet, eine Perversion der kirchlichen Läuteordnung. Um die Glocke sollte es zunächst wie in einer Art Probelauf langsam leiser werden, um sie dann gänzlich zum Schweigen zu bringen – wie man anschließend die Menschen zum Schweigen brachte. Man darf heute noch den Mut des damaligen Pfarrers Georg Sommer und vieler seiner Gläubigen bewundern, die sich oft – die Inhaftierung vor Augen - über die staatliche Läuteordnung hinwegsetzten. In seinem Tagebuch – gut versteckt hinter Pfarrakten – hat Pfarrer Sommer diese unselige Zeit in allen Einzelheiten aufgezeichnet.

Letzter Glockenguss vor 60 Jahren

Im Jahre 1959 stellte dann der Glockensachverständige erhebliche Mängel fest: Verrostete Glocken, schlechter Klang, defekte Glockenjoche, Pendelkugellager und Klöppel. Eine Reparatur wurde wegen der Unwirtschaftlichkeit abgelehnt. So erhielt die im Jahre 1951/52 unter der Regie von Pfarrer Rudolf Kurz erweiterte und modernisierte Pfarrkirche im Jahre 1961, also vor genau 60 Jahren ein komplett neues Geläut. Mit großer Unterstützung der Gemeinde wurden die fünf Bronzeglocken bei der Glockengießerei Schilling in Heidelberg bestellt, am 11. Juli 1961 gegossen und am 5. September 1961 in der Pfarrkirche St. Cäcilia durch den Geistlichen Rat Anton Geyer, Stadtpfarrer in Schwetzingen, feierlich getauft. Im einzelnen setzt sich das Geläut wie folgt zusammen: Cäcilienglocke (1300 kg / Ton es), Bernhardusglocke (1000 kg / Ton f), Marienglocke (700 kg / Ton g), St. Josefsglocke (500 kg / Ton b), St. Michaelsglocke (350 kg / Ton c). Alle Glocken tragen ringsum eine Inschrift, dazu als Glockenzier ein passendes Bild.

Der Glockengießerei wurde vom Sachverständigen eine „vorbildliche Leistung“ bescheinigt. Auffallend sei vor allem die Wärme und Weichheit der Instrumente, die selbst aus nächster Nähe nie aufdringlich wirkten. Die drei alten Klangstahlglocken läuten heute noch als Leihgabe der Pfarrgemeinde auf dem Glockenturm der 1961 erbauten Kirche St. Matthias im unterfränkischen Gochsheim bei Schweinfurt.

Warum läuten Glocken?

Glocken gehören zum Alltag – aber wir nehmen sie oft gar nicht mehr richtig wahr. Warum wird überhaupt geläutet? Zum Gottesdienst natürlich, das ist eine zentrale Aufgabe der Kircheglocken. Läuteordnungen, die örtlichen Traditionen folgen, regeln die Einzelheiten. Glocken rufen auch zum Gebet, in der Frühe, am Mittag und am Abend. Sie begleiten das Leben von der Geburt bis zum Tod, durch Freud und Leid, Krieg und Frieden. Und sie verkünden gerade jetzt an Ostern die frohe Botschaft von der Auferstehung Christi.